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1 février 2014 6 01 /02 /février /2014 13:32

Nachfolgend die schriftliche Umsetzung eines Beitrages im deutschen ZDF-Fernsehen von 2009 über die Veröffentlichung des Romans Unendlicher Spaß (Infinite Jest) von David Foster Wallace:

 

 

 

 

'Im September 2008 erhängte sich 46 jährig nach Jahrzehnten Depression einer der besten Schriftsteller seiner Generation: David Foster Wallace.

 

Unendlicher Spaß, im Original Infinite Jest, heißt sein Opus Magnum, es erschien bereits 1996. Aber erst 2009 auf Deutsch, es galt als unübersetzbar, wie Ulysses von James Joyce. Für unübersetzbar vielleicht, aber gewiss nicht für unlesbar. Obwohl der 1500 Seiten starke Roman seinen Bewunderern  Kondition und Hingabe abverlangt. Fragen Sie bitte nicht nach der Story, sie ist ein unüberschaubares Labyrinth zwischen Drogen und Klinik und Tennisakademie, wie das Leben des Autors. Es ist ein tief trauriges Buch, wenn man es durchsteht aber auch ein unendlicher Spaß, meint Miriam Böttger, die David Foster Wallace kannte und das einzige deutsche Fernsehinterview mit ihm führte:' 

 

„Es gibt Dinge, die man über das Buch nicht sagen sollte, wenn man ihm Leser wünscht. Man sollte vermeiden, das Buch anspruchsvoll detailliert und kompliziert zu nennen, verschweigen, dass es 1500 Seiten hat von einer Papierbeschaffenheit, die man sonst nur in Gebetsbüchern findet. Dass es über unzählige Fußnoten verfügt, auf keinen Fall darf das Wort „durchhalten“ fallen! Man sollte eigentlich auch keinen Fernsehbeitrag mit Außenansichten an das Buch anfangen, aber egal. Der Roman „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace weist wirkliches Vergnügen, wenn man so etwas Altmodisches wie Disziplin aufbringt.

 

Als Wallace sich mit 46 Jahren 2008 das Leben nahm, verlor die amerikanische Literatur einen ihrer begabtesten und originellsten Schriftsteller. Bevor er sich dem Schreiben zuwandte, war Wallace so einiges, Tennisass mit guten Aussichten, Profi zu werden, Mathematik- und Philosophiefreak, Drogenkonsument. Schließlich ein von Fans und anderen Literaturgroßen  verehrter Schriftsteller, obwohl er sich selber vermutlich nicht so vorkam .  Bis zu seinem Tod lehrte Wallace an einem College in Kalifornien „kreatives Schreiben“. Er selbst wollte darüber schreiben, wie es sich anfühlt zu leben, statt davon abzulenken, wie es sich anfühlt, zu leben.

 

D. F. Wallace: „Wenn ich etwa lese, das gut und wahr ist, gelingt es mir die Mauer meines Selbsts zu überwinden, Teil einer anderen Person zu werden, wie ich es sonst nicht kann. Wie wir alle es im normalen Leben nicht können. Ich merke dann plötzlich, dass andere Menschen genauso denken, reden und fühlen wie ich. Denn ich habe manchmal Angst, dass etwas mit mir nicht stimmt, dass niemand so ist wie ich. In dieser Art von Gemeinschaft und Mitgefühl liegt ein unglaublicher Trost. „


Es gab selten jemanden, der sich so gut in alles Menschliche einfühlen konnte, gleichzeitig aber so klar denken und analysieren und so witzig pointiert und elegant formulieren, dass das Betrachtungswinkel auf geniale Weise um einige Grad verschoben war.

 

D. F. Wallace: „Ein Ausgangspunkt des Buches ist eine Grundhaltung, die man in der amerikanischen Kultur, besonders in der Unterhaltung und der Werbung findet, die sehr reizvoll ist für Menschen als Individuum,  nämlich, dass man sich nichts und niemandem unterordnet. Es gibt kein höheres Gut als das eigene Wohl und das eigene Glück. In meinem Buch aber zeigen einige Charaktere, dass - und davon bin ich überzeugt -, wir alle irgendetwas anbeten, dass wir alle diesen religiösen Impuls in uns tragen. Bis zu einem gewissen Grad können wir wählen, was wir anbeten. Aber es ist doch ein Irreglaube, anzunehmen, wir seien nur uns selbst verpflichtet. Wir geben uns immer einer Sache hin, sei es dem Genuss oder einer Droge oder dem Wunsch, viel Geld zu verdienen und uns schöne Dinge leisten zu können.“


Unendlicher Spaß ist seine Abrechnung mit der Unterhaltungssklaverei der Spaßgesellschaft, mit dem in der amerikanischen Verfassung verbrieften „Pursuit of Happiness“, dem Recht nach Glück zu streben, das Wallace als Recht auf Betäubung, als Flucht vor den wirklichen Dingen des Menschseins empfindet.  Der Roman spielt in einer nahen Zukunft, der gregorianische Kalender wurde aufgegeben zugunsten der Sponsoren-Zeitrechnung. Firmen mieten vom Staat ein Jahr und pappen der Freiheitsstatue die Logo auf. Ein Teil der Handlung ereignet sich im Jahre der „Inkontinenzunterwäsche“. Einer der zwei Hauptfiguren ist Hall Incandenza, Zögling einer Elitetennisakademie und Wörterbuchfetischist. Die andere, Don Gatelee, wohnt in einem Asyl für Drogenabhängige. Wallace verteilt Details seiner eigenen Biographie auf  mehrere Protagonisten und Sphären, und lässt diese interagieren. Und dann gibt es im Buch auch noch diesen Film, der so unfassbar unterhaltsam ist, dass seine Zuschauer darüber Schlaf, Nahrung und Notdurft vergessen und in ihren Sesseln „verenden“.

 

All das galt lange als unübersetzbar.

 

Ulrich Blumenbach, den man wegen seiner Leidenschaft und Sprachenbesessenheit als "Extremist" unter den Übersetzern bezeichnen muss, arbeitete sechs Jahre an „Unendlicher Spaß“:

 

U. Blumenbach: „Ein  riesiger Wortschatz, der einfach sehr viel Recherche und Nacherschaffungen im Deutschen erforderte, sehr sehr lange Sätze, die einfach auch erst mal in ihren ganzen Perioden und so durchdrungen sein wollten, bevor ich anfangen konnte, sie auf Deutsch nachzubilden. Und dann eben auf der rein  inhaltlichen Ebene manchmal sehr finstere Geschichten über einzelne  amerikanische Figuren. Für Wallace brauche ich immer die großen enzyklopädischen Wörterbücher, […] fast immer dabei war das Roche Lexikon der Medizin, ein Slang-Wörterbuch, und auch noch eins auf Deutsch… Dann hatte ich mit dem Stapel auf dem Schreibtisch schon langsam Schwierigkeiten… Wie jeder gute Autor - oder auch wie jeder schlechte -  schreibt der man bei sich selber ab und hat einfach Formulierungen aus seinen Essays … im Roman wieder mit verwurstelt… ja, und so ging das dann…“


Ein Buch  wie das von Wallace erscheint heute fast anachronistisch. Seine Kunst, sein Humor, seine Klarsicht lassen etwas so fast wie Erlösung erahnen. Etwas, worauf viele sich sehnen, ohne es zuzugeben.'

 

Link zu dem Video im ZDF-Fernsehen:

 

http://www.youtube.com/watch?v=nZV9x8koFqA  

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